Warum es einfacher ist Dinge zu kaufen als sie wieder loszuwerden

Jetzt kaufen, mit nur einem Klick. Lieferung heute. 80% Rabatt, wenn Du innerhalb von 4 Stunden kaufst. Geld-zurück-Garantie. Eine ganze Industrie sorgt dafür, dass nichts so einfach und bequem ist wie etwas zu kaufen. Es wird alles dafür getan, dass wir kein zweites Mal überlegen, bevor wir den Bestell-Button drücken.

Sofern man nicht vom Rückgaberecht Gebrauch macht, ist mit der Lieferung der Bestellung ein weiterer Gegenstand im Haus. Und eines Tages stellt man fest, dass man die Sachen nicht so schnell wieder los wird, wie sie reingekommen sind. Und das macht es noch mehr schwerer auszumisten.

Warum ist es so schwer, Sachen loszuwerden? Zunächst einmal müssen wir Entscheidungen treffen. Entscheidungen zu treffen ist schwer. Es erfordert Energie. Und es ist emotional anstrengend. Was ist zum Beispiel mit all den Büchern, die wir gekauft haben, weil wir sie lesen wollten, es aber nie geschafft haben? Sie stehen jetzt in einem Regal oder liegen auf dem Kaffee- oder Nachttisch und bereiten ein schlechtes Gewissen. Was ist mit der Jeans, in die man sich im Geschäft reingezwängt hat und die man nur gekauft hat, um endlich einen Anreiz zum Abnehmen zu haben? Das Gleiche gilt für Sportgeräte und -klamotten, die einem beim Abnehmen helfen sollten. Musikinstrumente, mit denen man endlich eine alte Leidenschaft wiederaufleben lassen wollte oder eine neue beginnen. Sie loszuwerden fühlt sich wie eine Niederlage an. Ein Eingeständnis, das man versagt hat. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Eine gute Währung, in der man rechnen kann, ob sich ein Kauf gelohnt hat oder lohnen wird, sind die Kosten pro Nutzung. Rudergerät für 250€ gekauft, acht Mal genutzt, nach zwei Jahren für 100€ verkauft, macht 18,75€ pro Nutzung, plus Aufwand fürs Loswerden. Es wurde zwar innerhalb von einem Werktag geliefert, aber es hat drei Wochen gedauert, bis ich es wieder los war, mit unzähligen Nachrichten und Leuten, die es ganz sicher haben wollten, aber dann doch nicht gekommen waren. Zwei Jahre stand das Ding einfach nur im Weg. Gegenbeispiel: 2014 hatte ich mir ein MacBook Air gekauft für 2.500€. Ich hatte es dann bis Ende 2019 behalten und sicherlich fast jeden Tag mehrmals genutzt. Nun hat es ein anderes Familienmitglied und nutzt es täglich. Die Kosten pro Nutzung liegen wahrscheinlich irgendwann bei 0,30-0,40€ pro Tag. Das hat sich gelohnt. Am Ende des Tages ist eine Frage, was einem die Nutzung wert ist. Im besten Fall wissen wir zu schätzen, was wir uns angeschafft haben und nutzen es. Das ist gut. Oder man hat etwas mit guten Absichten gekauft, wie ich das Rudergerät, es aber so gut wie nie so benutzt, wie man es wollte. Manchmal bereuen wir sogar in der Sekunde des Kaufs, was wir da gerade getan haben.

Man kann Dinge mit einem Klick kaufen, wenn man den plötzlichen Drang danach verspürt, aber dann ist man auf die eine oder andere Weise an diese Dinge gebunden, und zwar nicht nur im positiven Sinne. Denn selbst wenn wir die Entscheidung treffen, sich von Büchern oder der besagten Jeans, der Gitarre oder dem Rudergerät zu trennen, ist die Arbeit damit nicht getan. Die Dinge verschwinden nicht mit der Leichtigkeit eines Klicks, mit dem sie gekauft wurden. Sicher, man kann einfach alles verschenken. Stell eine Kiste mit dem Schild “umsonst” vor Dein Haus, und jemand wird die Kiste sicher abholen. Aber wenn man etwas von dem Geld zurückhaben will, das man ausgegeben hat, wird man schnell feststellen, dass die Interessenten nicht so viel Geld dafür bezahlen werden, wie man dafür ausgegeben hat (es sei denn, man hat Glück und etwas gekauft, das seinen Wert erhöht oder selten zu bekommen ist). Manche Menschen scheinen sehr genau zu wissen, was ihnen etwas wert ist und gehen nicht über diese selbstgezogene Preisgrenze. Das heftigste Beispiel, das ich allerdings auch schon als dreist empfand, war eine Familie, die für ein gebrauchtes Digitalpiano nur 150€ bezahlen wollte, weil man ja nicht wisse, ob die Tochter wirklich dranbleibt. Das Ding stand für 250€ bei eBay.

Aber nicht nur der Preis ist ein anderer, es kann wie bei dem Rudergerät Tage, Wochen oder sogar Monate dauern, bis etwas verkauft ist, vor allem, wenn es wertvoll ist. Es erfordert Arbeit. Man muss Fotos machen, einen guten Text für ebay oder eine andere Plattform schreiben, Mails mit Interessenten schreiben. Man kann es unter Wert verkaufen und so schneller loswerden (ich gebe zu, dass ich das getan habe), oder man kann sich nicht an den Marktwert gewöhnen und versuchen zu warten, bis jemand es zu dem gewünschten Preis kauft. Das habe ich auch schon versucht, und es funktioniert selten.

Wie kommen wir aus dieser Bredouille?

Es gibt zwei Probleme, die wir lösen müssen:

  1. Wir müssen verhindern, dass wir überhaupt erst in die Situation geraten, etwas zu kaufen, das wir nicht benötigen. In einer idealen Welt kaufen wir einfach keine neuen Dinge. Das ist eine radikale Idee.
  2. Und für all die Dinge, die wir bereits haben und nicht mehr brauchen, müssen wir einen effizienten Weg finden, sie loszuwerden.

“Effizient” bedeutet nicht, dass wir dafür bezahlen, Kram in einem SelfStorage-Zentrum zu “parken”. Jedes Mal, wenn wir die Rechnung bekommen, werden wir daran erinnert, was wir zu viel haben. Und wenn wir den ersten Punkt nicht in Ordnung bringen, wird unsere Wohnung in kürzester Zeit wieder vollgestopft sein, und dann brauchen wir einen größeren Lagerraum und so weiter und so fort. Und klingt es nicht irgendwie ironisch, dass wir Geld bezahlen müssen, um Dinge zu lagern, für die wir Geld bezahlt haben, die wir aber nicht benutzen? (Sofern man seine Sachen woanders kostenlos unterbringen kann, fällt zwar der Kostenpunkt weg, aber leider auch die Erinnerung, dass man ja noch woanders etwas rumstehen hat).

Wenn wir anfangen an dem zweiten Punkt zu arbeiten, wird der erste Punkt zum Glück leichter werden. Denn wir erleben den Schmerz, den wir empfinden, wenn wir versuchen, Dinge loszuwerden, und wir werden uns an diesen Schmerz erinnern, wenn wir etwas Attraktives zum Kaufen sehen. Es wird einige Zeit dauern, aber je länger wir daran arbeiten, Dinge loszuwerden, desto weniger neue Dinge werden wir kaufen wollen. Deshalb empfehle ich, jeden Tag eine Sache loszuwerden, anstatt extrem anstrengende Wochenendsitzungen zu veranstalten (man kann sie auch zusätzlich machen, wenn man will). Wenn man jeden Tag eine Sache aus der Wohnung entfernt, muss man nur wenig Energie und Emotionen investieren. Und meiner Erfahrung nach wird man sowieso noch mehr loswerden wollen, weil es sich so gut anfühlt.

Positiver Nebeneffekt: Man spart jede Menge Geld, produziert weniger Abfall und rettet nebenbei auch noch den Planeten.

1 Jahr lang nichts kaufen – März-Bericht

Der März war kein guter Monat für mein Vorhaben. Zum einen habe ich ein batteriefähiges Digitalradio gekauft (und ein gebrauchtes Analoges), weil ich gebraucht keines gefunden hatte. Das wäre aufgrund der gegenwärtigen Situation wahrscheinlich noch verständlich. Weniger verständlich ist aber die Anschaffung eines neuen Verstärkers und CD-Players. Das hat eine kleine Geschichte und hängt damit zusammen, dass ich (endlich) den Keller ausgemistet habe:

Wie man sieht war das eine sehr erfolgreiche Aufräumaktion, und dabei sind mir auch meine CDs wieder in die Hände gefallen. Ergibt es Sinn, dass ich sie im Keller habe? Nein. Was will ich damit im Keller? Darauf hoffen, dass sie irgendwann wieder mehr Geld wert sein werden? Zum Teil sind da wirklich tolle Erinnerungen bei. Ich bin zwar nicht ganz sicher, dass ich Nick Cave mit The Birthday Party noch oft hören werde, aber ab und zu…

Nun, ich habe keinen CD-Player mehr (das macht das mit den CDs im Keller noch bescheuerter). Vor einem Jahr hatte ich mir einen neuen Plattenspieler bei einem Fachhändler gekauft (ich hatte keine Ahnung und wollte eine Beratung haben) und meine Schallplatten aus dem Keller geholt. Mit dem dazu gekauften Verstärker (ein NAD Amp 1) war ich allerdings nicht so richtig zufrieden. Und so standen im Wohnzimmer zwei große Apple Homepods für gestreamte Musik und Apple TV sowie zwei Hifi-Lautsprecher für Platten plus der ungeliebte Verstärker und der Plattenspieler.

Der Plattenspieler war eine gute Idee, weil Vodafone uns im letzten Quartal zwei Male mindestens drei Tage offline liess und Märchenschallplatten immer noch viel Geld bei eBay bringen. Die Apple HomePods waren da kaum zu gebrauchen. Apple TV mit dem Verstärker ging allerdings auch nicht wirklich gut. Insgesamt zu viel Gerümpel und Nerv. Ich wollte weniger. Wieder zu dem Laden. Von meinen “Problemchen” erzählt. Die Wahl fiel auf ein teureres Gerät, das alles kann, was ich will und mir auch für die nächsten 20 Jahre Ruhe geben soll. Apple HomePods verkauft (gingen innerhalb von 2 Tagen weg für den Preis, den ich wollte), der alte Verstärker wurde für den Kaufpreis zurückgenommen (nach einem Jahr, ein Grund mehr bei einem Fachhändler zu kaufen).

Was hat es mit Minimalismus zu tun, so viel Geld für eine Hifi-Anlage auszugeben? Zunächst einmal nichts. Sicherlich wäre es auch gebraucht gegangen (wenn ich Ahnung hätte), und Musik hätte ich auch mit einer schlechteren Anlage hören können. Aber Minimalismus bedeutet nicht, dass man keine Freude mehr im Leben haben soll. Im Gegenteil. Musik macht mir unendlich Freude. Vielleicht nicht das Stück von The Birthday Party oben (wobei ich es immer noch gut finde), aber ich höre sehr viel Musik, und mir ist auch die Aufnahmequalität wichtig. Momentan hat es mir das Klavierkonzert Nr. 3 von Beethoven sehr angetan. Das höre ich in verschiedenen Interpretationen, von Gould/Karajan über Gould/Bernstein hin zu Zacharias/Gewandhausorchester. Und ja, da macht eine gute Anlage einen Unterschied. Und ich habe hier auch etwas gelernt: Ich dachte, dass ich mit der Minimalkonfiguration zurecht kommen würde und habe damit am Ende des Tages zwei Mal gekauft (zum Glück nicht mehr ausgegeben Dank der Kulanz des Fachhändlers). Was ich auch noch gelernt habe: In der öffentlichen Bibliothek um die Ecke gibt es auch Kinder-CDs zum Ausleihen. Die erste CD in meinem neuen CD-Player war Drache Kokosnuss.

Es kam noch ein neues Buch im März an. Das hatte ich im Februar 2021 bestellt, der Autor hatte anscheinend mehrmals den Abgabetermin gerissen. Und beinahe hätte ich es vergessen, die Fahrradhalter im Keller gab es auch nur neu, so wie ich sie brauchte.

Insgesamt habe ich im März knapp 1.000€ ausgegeben, nach Abzug der verkauften Sachen. Damit bin ich eigentlich noch sehr zufrieden.